F wie Flicken, Farbe, Form. Oder F wie Fiona. Der Fiosk ist eine mobile Reparaturstation, die Fiona auf dem Terrain Gurzelen in Biel entwickelt hat. Dort repariert und verändert sie Kleidung, arbeite mit dem, was da ist, reagiert mit textilen Interventionen. Der FIOSK ist ein spannendes Beispiel, das zeigst, wie Design an gesellschaftlichen Problemen wirken kann, auf diese aufmerksam machen kann und zeitgleich Menschen zusammenbringen kann, um etwas dagegen zu tun. Ich freue mich, dass Fiona sich Zeit genommen hat, um uns über ihr Projekt zu erzählen.

Kannst du uns zu Beginn erzählen, was dein Startpunkt für dein Projekt war?
Ja, ich bin anfangs mega überfordert gewesen, mich auf ein Thema festzulegen, weil mich so viel interessiert hat. Ich hatte ganz viele Ideen, z.B. ein mega nachhaltiges, supercooles Einzelstück zu gestalten. Irgendwie bin ich aber immer so im Clinch gewesen: was bringt das, wenn ich etwas für eine kleine Sparte von Menschen mache, die sich das dann leisten können.
Als ich mich dann entscheiden musste, war ich so: Kioske interessieren mich halt einfach. Ich glaube, ein wichtiger Punkt war, dass mich die Ästhetik von Kiosken mega geflasht hat. Ich dachte mir dann, ich könnte einen Kiosk selbst machen – meinen eigenen kleinen Fiona-Kiosk. Ich wollte einen Alltagskiosk mit einem Nutzen und Sinn machen und habe dann nach Ansätzen gesucht.
Meine Idee war, den Gratis-Kleiderschrank auf dem Terrain Gurzelen in Biel (Ein altes Fußball Stadion, dass zur nun als Zwischennutzung gebraucht wird) zu meinem Kiosk umzubauen. Der Kleiderschrank ist ja schon ein nachhaltiger Ansatz, aber es fehlte ihm an Gestaltung, Struktur und Design. Dort habe ich dann angefangen den Schrank umzubauen, zu gestalten und mit dem FIOSK zu erweitert.
Wie genau bist du vorgegangen und wie hat sich dein Projekt über die Zeit verändert?
Die Anfangsidee war den Gratis-Kleiderschrank zu ergänzen. Zum Beispiel falls jemensch etwas nicht passt oder nicht gefällt, würde ich es ihnen anpassen oder reparieren. Die Grundidee war, dass ich die Ressourcen, die schon dort sind, nutze und verändere. Das hat aber nicht so funktioniert. Allerdings haben Menschen dann angefangen, von Zuhause z.B. ihre Lieblingsjeans mitzubringen. Ihnen ging es darum, Sachen auf, die sie wirklich Wert legen, langlebig zu machen. Dann habe ich angefangen Größen anzupassen oder Stellen zu reparieren.
Den FIOSK habe ich über zwei, drei Monate von März bis Juni betrieben. Anfangs habe ich meinen Kiosk sporadisch betrieben. Menschen haben mich dann öfter gefragt: „Wann bist du wieder hier?“ Ich habe gemerkt, dass mein FIOSK, wie ein normaler Kiosk auch, regelmäßige Öffnungszeiten braucht, damit Menschen wissen, wann sie kommen können.

Was war dein Design-Ansatz für deine Bachelorarbeit?
Ich sehe viele Menschen, die halt einfach 100% arbeiten und trotzdem schauen müssen, wie sie ihre Kids ernähren können und ihre Miete zahlen. Und diese Leute haben einfach keine Zeit sich mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Ich dachte mir, man muss vielleicht, auch zu den Menschen gehen, Nachhaltigkeit im Alltag etablieren und zur Normalität machen. Der Kiosk ist genauso ein Ort, weil er so eingebettet in unseren Quartieren und unserem Alltag ist. Mir war einfach mega wichtig, dass ich einen Nutzen in meiner Arbeit sehe und dahinterstehen kann. Das hat mich dazu gebracht, mich nicht nur auf das Ästhetische Design zu fokussieren, sondern im Sozialen zu gestalten.
Wie haben die Lehrpersonen an der Hochschule auf dein Projekt reagiert?
Meinem Projekt hat sehr davon gelebt auf Dinge zu reagieren. Am Anfang musste ich viel Administratives machen, Sachen organisieren, den Kleiderschrank umgestalten und meinen FIOSK bauen. Im Mentoraten an der Hochschule war ich viel im Clinch: andere Studierende kamen mit ihren schönen Entwürfen, haben über ihr Design, die Farbwahl und Farbsprache gesprochen. Ich kam mit meinem Flyer für den FIOSK. Meine eigentliche textile Arbeit zeigte sich in den textilen Interventionen, die im Rahmen der Reparaturen entstanden, zum Beispiel beim Flicken einer Jeans. Diese Arbeiten konnte ich jedoch nicht ans Mentorat mitnehmen, da sie bereits bei den Menschen waren, für die ich sie gemacht hatte. Dieser Umstand führte dazu, dass ich teilweise im Clinch war. Grundsätzlich glaube ich waren alle Studierende und Dozierende mega offen.
Eine Dozentin hat mal zu mir gesagt: Fiona du kannst nicht etwas Abstraktes abstrahieren. Ich glaube es ist einfacher mit etwas zu arbeiten, wo man ein Bild davon hat. Und fast alle haben ein Bild vor Augen, wenn es um Kioske geht. Das hat mein Projekt auch ausgemacht, dass Menschen verstanden haben, um was es geht. Manchmal habe ich das Gefühl, der Kiosk, wirkt am Anfang eigentlich sehr simple, aber wenn man sich mit ihm auseinandersetzt, hat es eine sehr große Komplexität und ich mag es sehr in der Komplexität zu arbeiten.
Wie navigierst du diesen Konflikt zwischen ‚Wirkung haben wollen‘ und ‚ästhetisch gestalten wollen‘?
Ja, ich glaube ich bin auch immer noch am herausfinden, wie ich das navigiere. Manchmal muss ich meine selbstständige Designpraxis und den FIOSK voneinander trennen. Wenn ich am FIOSK arbeite, dann geht es mehr um das Zusammensein und eine Plattform zu schaffen. Aber der FIOSK ist halt eine ganz andere Art von Design als in meiner Textilpraxis. Manchmal fällt mir das schon schwer. Ich habe Textildesign studiert und will auch nicht nur Hosen flicken. Aber ich glaube ich muss mir einfach mega fest sagen, dass der FISOK nicht nur Hosen flicken ist, sondern es geht um Austausch und Möglichkeiten aufzeigen.
In deiner Bachelorarbeit schreibst du über den Kiosk als sozial Raum. Welche Erfahrungen und Begegnungen hast du in deiner FIOSK-Zeit gemacht?
Das ist mega schön gewesen, ich habe mehr Austausch mit Menschen gehabt, als ich Sachen repariert habe. Die Leute sind meistens einfach gekommen und haben gefragt: „Was ist das? Was machst du?“ Und dann haben wir einfach angefangen zu reden. Es ist mega schön gewesen und hat mich sehr berührt. Ich habe so viel Dankbarkeit von Menschen bekommen und das hat mich immer wieder motiviert. Eine Schwierigkeit war schon, dass ich immer wieder allein dort hinfahren musste und dann sehr exposed war. Wenn dir dann Menschen sagen: „Hey, mega cool, dass du das machst“, dann motiviert das.
Einmal kam jemensch und wollte seine Hose kürzen, aber er ist dann zwei Stunden neben mir gewesen und wir haben ein bisschen geredet. Das ist auch was einen Kiosk auszeichnet, dass Menschen aus der Anonymität austreten und jemensch dort steht und sagt: „Hallo Heinz, wie geht’s?“ Ich habe auch das Gefühl gehabt, dass die Menschen, die zu mir kamen, auch ein bisschen einsam waren und reden wollten. Es braucht halt auch mega die Social-Battery, so ein Projekt zu machen. Das habe ich echt unterschätz.
Hast du eine Vision, wie sich Kioske in Zukunft verändern sollten?
Wenn man in die Vergangenheit schaut, ist der Kiosk aus sozialen und gesellschaftlichen Problemen entstanden z.B. die Trafik für Kriegsinvaliden. Heute haben wir wieder so viele sozialen und ökologischen Probleme. Ich glaube der Kiosk ist ein super Ort, als Schnittstelle und kleiner sozialen Raum, für z.B. Reparaturen, Wiederverwendung und Gemeinschaft. Der Kiosk ist eben auch ein intimer Raum, hinter dem immer ein Mensch steht. Auch hinter jedem Textil steckt immer ein Mensch, ich glaube das vergessen wir manchmal. Und der Kiosk setzt Produkt, Mensch, Zeit und Alltag gut in Beziehung.

Was sind deine Pläne für den FIOSK? Was planst du als nächstes?
Ich bin gerade mit einem Kollegen dran, den FIOSK wirklich mobil zu machen. Wir bauen einen alten Velo Anhänger um, damit ich schnell mit dem FIOSK zu unterschiedlichen Orten vorbeikommen kann. Ich fände es auch spannend den FIOSK in unterschiedlichen Kontexten zu testen z.B. im öffentlichen Raum. Außerdem gibt es in Bern das Kaiserhaus, dort geht es um Circular Design. Dort habe ich die Möglichkeit, den FIOSK einmal in der Woche zu betreiben.
FIOSK und Fiona ist halt sehr ähnlich. Aber mein Ziel ist, dass man den FIOSK nicht mehr nur mit mir identifiziert, sondern dass er sich als eine Plattform und ein Ort für Austausch etabliert. Meine Idee ist, dass ich Kolleg:innen einlade oder Special-Weeks mache, um Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man Dinge langlebiger macht, das Handwerkliche wieder stärken kann und wir uns wieder Zeit nehmen mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten.
Fiona (24) ist in Biel geboren und lebt heute in Bern. Sie schloss das Propädeutikum in Biel ab und studierte anschließend Textildesign in Luzern (Abschluss 2025). In ihrer Arbeit interessiert sie sich für das Zusammenspiel von Gestaltung, gesellschaftlicher Praxis und kulturellem Alltag. Textil ist für sie Material, Sprache und Werkzeug zugleich. Dies zeigt sich sowohl in Projekten im öffentlichen Raum wie auch in kollektiven und performativen Prozessen. Fiona ist Gründerin des FIOSK, einer mobilen Reparaturstation. Aktuell arbeitet sie im PROGR in Bern, unterrichtet textiles Gestalten in Biel und ist Teil der NCCFN Group.