Auszug aus der Masterarbeit »Transformative Gestaltungspraxis zwischen Entwerfen, Intervenieren, Vermitteln und Begleiten (Imaginieren, Kritisieren, Philosophieren) – Wie können Interventionen gestaltet und begleitet werden, um transformative Erfahrungen zu ermöglichen?« (Hier die ganze Arbeit lesen)
„If the observer always affects the observed, changing it from moment to moment, from glance to glance, then the observed also changes the observer” Donald Worster – in Nature’s Economy: The history of ecological Ideas
Rollen im Gestaltungsprozess
Die Verkomplizierung der Rolle der*des Entwerfenden wurde bereits im Kapitel zu Transformation Design betrachtet. Dort wurde deutlich gemacht, dass mit der Vermehrung des Wissens die Rolle des*der Expert*in in Frage gestellt wird. Um Transformationen zu gestalten, braucht es meist nicht nur Einzelpersonen, sondern eine tiefe Zusammenarbeit von unterschiedlichen Expert*innen und Menschen, die betroffen sind. Damit wird es an dieser Stelle umso komplizierter, die Rolle der*des Entwerfenden klar zu definieren. Sicher ist, dass diese, um transformative Lernprozesse zu unterstützen, nicht nur im klassischen Gestalten von Intervention liegen kann, sondern der gesamte Prozess betrachtet werden muss. Beim Gestalten von Lernprozessen wird auch Handlungswissen benötigt, das eher aus designfremden Wissenskontexten kommt. Es sollte also die Frage gestellt werden, welche Rollen eingenommen werden müssen bzw. können, um transformative Erfahrungen zu gestalten. Dabei soll hier noch einmal deutlich gemacht werden, dass es sich hierbei um die Rolle des Transformationsgestaltenden handelt und nicht eine De-professionalisierung und Generalisierung des gesamten Designfeldes, sondern in diesem Fall die sehr spezifische Definition gilt (Matos, 2022). Wie bereits im ersten Kapitel zu Transformationsforschung festgestellt, handelt es sich am ehesten um eine trans- bzw. postdisziplinäre Profession und damit ein Stück weit um das Entwickeln von neuen Formen der Expertise durch das Überwinden von disziplinären Normen und Formen des Wissens (Mareis, Greiner-Petter and Renner, 2022b).
Eine solche transdisziplinäre Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass über ein breit gefächertes Wissen in Bezug auf Theorie, Ansatz und Diskurs verfügt wird und nicht über ein kompliziertes und tiefgehendes Wissen in einer Disziplin (Lynch, 2006). Daraus entstehen sowohl Vor als auch Nachteile. Um die Absicht zu verfolgen, zwischen den Disziplinen zu vermitteln und eine Kooperation zu ermöglichen, sollte die Breite des Wissens gegenüber der Tiefe bevorzugt werden und damit auch ein virtuelles intellektuelles Zuhause (in diesem Fall in der Transformationsforschung) (Lynch, 2006). Es geht um die Synthese von disziplinären Ideen, die für die Disziplinen, die überbrückt werden, relevant und zugänglich sind, in anderen Kontexten aber vielleicht unverständlich bleiben. Darüber hinaus liegt die Relevanz in der Fähigkeit, die Erkenntnisse zweier oder mehrerer Disziplinen zu übersetzen, um ein gemeinsames Verständnis für ein bestimmtes Thema zu fördern. Dabei wird deutlich, dass in der Rolle eines*einer Expert*in-Generalist*in neue Schwierigkeiten und Chancen entstehen. Unter anderem gehört dazu zusätzliche Zeit für die Aushandlung komplexer Beziehungen zwischen den Disziplinen, aber auch die Schwierigkeit der Veröffentlichung und der Vermittlung des Wissens in andere Disziplinen. Deshalb kann es leicht passieren, in die Falle zu tappen und sozialen Wandel als einen linearen Prozess zu betrachten, der durch Spezialist*innen in einzelnen Disziplinen gelöst werden kann. Jedoch führt das dazu, dass die Leerstellen, Fadenenden und Plateaus, an denen andere Disziplin anknüpfen könnten, nicht gesehen werden – weshalb die bereits häufig beschriebenen unintendierten Folgen der Designentscheidungen auftreten (Meadows and Wright, 2008).
Es kann deshalb effektiv sein, die Herausforderungen als unordentlich und komplex zu akzeptieren und eine besondere Qualität in Prozessen der Übersetzung, der Vermittlung, der Synthese, dem Sammeln und dem Vernetzen zu erkennen. Genau diese Erkenntnis, und damit das Arbeiten in einem anderen Modus, kann als eine Art metamoderne Haltung verstanden werden. Sie ist ein Stück weit das Entstehen eines neuen Paradigmas bzw. einer neuen Denkhaltung in der Gestaltung von Transformationsprozessen (Lauriola, 2023). Für die Rolle der gestaltenden Person bedeutet das, dass sie zwischen fixen Polen wandert und dass sie je nach Prozessphase unterschiedlich sein kann. In einem Moment kann die Rolle das Intervenieren, Kritisieren und das Aufrütteln sein, um Denk- und Handlungsmuster sichtbar und damit hinterfragbar zu machen. In einem anderen Moment kann das Begleiten und Facilitieren von Scaling Deep Prozessen das Augenmerk sein. Dabei ist die Rolle nicht die eines Lehrenden/Facilitierenden in klassischen Bildungsprozessen, sondern sie muss entsprechend des jeweiligen transformativen Lernansatzes angepasst werden.
Die aktuelle (metamoderne) Welt ist nicht nur von schnellem und turbulentem Wandel geprägt. Es geht auch um die Zersplitterung alter Systeme und Erwartungen. Ständig kommt es zu Unterbrechungen. Es ist schwer, sich auf eine bestimmte Werteordnung oder ein bestimmtes Paradigma zu verlassen. In diesen fragmentierten Lernprozessen bedeutet das, den eigenen rationalen Prozessen zu vertrauen (hauptsächlich im präfrontalen Kortex angesiedelt). Darüber hinaus sollte auch auf die eigene Intuition zugegriffen werden (hauptsächlich in einem viel älteren, größeren und reiferen limbischen Gehirnpart angesiedelt) (Pawlak and Bergquist, 2021). Die Lernerfahrung sollte dazu einladen, persönliche Erfahrungen in Verbindung zu bringen, anstatt diese als vergangenes Gepäck zu betrachten und außerhalb einer Lernerfahrung zu verorten. Während des Prozesses wird die Lernerfahrung dauerhaft aktiv mitgestaltet; es werden in jedem Moment ‚neue‘ Verständnisse und Erkenntnisse geschaffen. Die Rolle der gestaltenden Person ist deshalb eher als eine Begleitung zu verstehen als eine Lösungsgebende, die die Erklärung in den Mittelpunkt stellt (Lauriola, 2022). Sie besteht darin, Lernerfahrungen im Hinblick auf die gewünschte Richtung zu erleichtern. Dabei werden alternative Sichtweisen und die Integration von Inhalten und vergangenen Erfahrungen gefördert. Ideen werden durch einen ganzheitlichen Ansatz zusammengebracht, um neue Wege zur Erkenntnis der Welt zu finden. Neue Lernbeziehungen und die Möglichkeit, Wissen zu schaffen, werden gestärkt (Pawlak and Bergquist, 2021). Essentiell ist das Akzeptieren, dass transformative Prozesse nicht ein-direktionale Erfahrungen sind, sondern die Richtung sogar umgekehrten sein kann: Subversive emanzipierende Prozesse und transformative Gedanken können durch den*die Lernende angestoßen werden. Denn um nichts anderes geht es im Kern: Aus der Unterdrückung veralteter Wissensstrukturen zu entkommen und eine Entwicklung zuzulassen. Eine Entwicklung hin zu einer Welt, in der es um Entfaltung, Gemeinwohl und Gleichheit statt um Herrschaft und Dominanz geht (Lauriola, 2022). Mit diesem metamodernen bzw. transformativen Verständnis der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden sind unterschiedliche Interaktionen möglich. Auch wenn die Rollen in unterschiedlichen Kontexten sicher anders benannt werden, sollen hier acht miteinander verbundene Rollen vorgestellt werden, um deutlich zu machen, wie divers Interaktionen sein können (Pawlak and Bergquist, 2021).
Companion: Hilfe beim Aufbau von Peer-Learning-Beziehungen, Begleiter*in auf dem Weg zu dem gemeinsamen Wissen und Erfahrung.
Interviewer: Fragend durch die Reflektion der eigenen Erfahrungen führen und dadurch neue Erkenntnisse und Zusammenhänge offenlegen.
Clarifier: Klärendes Fragen, vor allem zu Annahmen und Denkmustern, die als unhinterfragbar hingenommen wurden und die das in-der-Welt-sein prägen.
Articulator: Durch ein Widerspiegeln und ein mit-anderen-Worten-Verdeutlichen von alternativen Metaphern und Wissensorganisationsmodellen wird davon profitiert, was bereits gesagt bzw. gedacht wurde.
Knowledgeable admirer: Hilfe beim Wertschätzen und Wahrnehmen des eigenen Wissens bzw. der Erfahrung. In eigener Agency handelnd und das Umfeld bestärkend.
Linker: Herstellung einer Verbindung zu Dingen, Menschen, schriftlichem Material und andere Quellen, die dabei helfen können, das Wissen, die Weisheit und die Erfahrungen, die bereits erworben sind, weiter zu bereichern.
Promoter: Unterstützung bei der Identifizierung oder Entwicklung von Strategien, die es ermöglichen, das Wissen effizienter in die Welt hinauszutragen.
Co-learner: Zusammenarbeit, bei der neue konzeptionelle Ebenen erreicht werden, die neue Energie, Interessen und/oder Erkenntnisse für alle Prozessbeteiligten generiert.
Auf der Grundlage einer tiefen Wertschätzung für die Weisheit und Erfahrung des einzelnen Lernenden kann eine Perspektive eingenommen werden, die dem*der Einzelnen Agency aber auch Verantwortung für und gegenüber anderen Menschen zuspricht. Dabei werden unterschiedliche Arten von Wissen wertgeschätzt und in allen Menschen wird Potenzial gesehen (unabhängig von Alter, ethnischer Zugehörigkeit oder sogenannter Intelligenz). Für die Gestaltung bedeutet das, das die Designer*in nicht in einer der Rollen verhaftet ist, sondern durch unterschiedliche Perspektiven vermittelnd wirken kann.
Exkurs: Who can afford to be critical? Who can’t afford to be critical?
In vielen Designrichtungen, die unter unterschiedlichen Begriffen zusammengefasst werden, steht der Wandel der bestehenden in wünschenswerte Zustände im Mittelpunkt. Dabei werden die Designer*innen dazu ausgebildet, möglichst kritisch sich selbst und bestehende gesellschaftliche Zustände zu untersuchen, um dann durch strategische Eingriffe mit traditionellen Designprinzipien systemische Probleme („big picture“) zu bearbeiten (Hill, 2012). Was dabei häufig außer Acht gelassen wird, sind die eigenen Verstrickungen der Entwerfenden mit den aktuellen Strukturen und Paradigmen.
Es ist nicht ohne weiteres möglich, sich bestehenden Logiken zu entziehen und das Alte mit einem neuen Paradigma zu unterwandern. Damit soll an dieser Stelle nicht verneint werden, dass im Design über die eigenen Implikationen der Designentscheidungen nachgedacht werden sollte – nichtsdestotrotz ist zu beachten, wie viel Druck dadurch auf die einzelne Gestalter*in abgeladen wird. Design prägt Gesellschaft, vor allem auch in ontologischem Sinne: Alles, was gestaltet wurde – ob Objekte, Strukturen, Regeln, Organisationen – gestaltet uns zurück. Damit geht eine große Verantwortung und Macht einher, Dinge so zu stabilisieren, wie sie sind – oder diese auch durch bewusste Designentscheidungen zu verändern (Latour, 2009; Escobar, 2018; Matos, 2022). Dennoch sollte an dieser Stelle diese Verantwortung des Designs nicht unreflektiert auf den einzelnen Gestaltenden übergehen, sondern ein Unterschied zwischen Macht und Agency gemacht werden (Lorusso, 2022).
»In reality, the environment’s capacity to ‘design’ us is stronger than the one that we, as individual, have to design it.« Silvio Lorusso
Dies sollte auch die Grenzen des Intervenierens deutlich machen – das sollte vielleicht mit Hilfe der Überlegungen zu anderen Arten der Agency nicht ganz so pessimistisch ausfallen. Damit wird aus meiner Sicht einer ganzen Disziplin der Druck und auch die Hybris genommen, die Welt verändern zu müssen. Gerade am Anfang der Karriere sind Designer*innen häufig nicht damit betraut, tiefgreifenden systemische Interventionen zu entwerfen, sondern in Kontexten zu arbeiten, in denen die Designdefinition häufig nicht ganz so breit ist wie im akademischen Diskurs (Lorusso, 2022; Matos, 2022).
Hier sollte zusätzlich konkret gearbeitet werden. Je nachdem, mit welchen Privilegien oder Voraussetzungen der*die Gestaltende ausgestattet ist, sind unterschiedliche Arten von Gestaltung möglich. Gerade Menschen, die sich in ihrer Lohnarbeit mit systemischem Wandel auseinandersetzen und Interventionen dafür planen, haben eventuell einen größeren Einfluss bzw. mehr Raum für die Auseinandersetzung. Allerdings - Wolfgang Jonas zu folgen und Transformation Design als neues ‚normales‘ Design zu bezeichnen, geht meines Erachtens zu weit und lädt eine Verantwortung bei einer ganzen Disziplin ab, die kaum die Macht hat, sich aus ihren eigenen systemischen Verstrickungen zu lösen und zu emanzipieren (Jonas, 2018). An dieser Stelle kann jedoch die Frage verändert werden: Wenn sich gefragt wird, wer es sich nicht leisten kann, kritisch zu sein, wird deutlich, dass (wenn das Gestalten von Gesellschaft von der Profession der (Transformation)Designer*in gelöst wird) jede*r gestalten kann. Das Gestalten von Transformationen kann dann eher als eine Praxis bzw. Haltung verstanden wer den, die in unterschiedlichen Kontexten (und Professionen) ausgeführt wird. Kritisches Gestalten bezieht sich dann nicht mehr auf ‚fancy‘ Objekte, die in der Zukunft möglich sein könnten, sondern es fragt nach den kleinen kritischen Brüchen mit den Strukturen, die nicht mehr vertretbar erscheinen. Anhand des vorgestellten Quantum Ansatzes wird auch deutlich, dass nicht nur die Menschen, die direkt von der Herrschaftsmatrix betroffen sind, davon beeinflusst werden. Diese Muster übertragen sich auf das Ganze. Nicht kritisch dazu zu sein bedeutet, zu akzeptieren, dass diese Muster sich im Kleinen und Großen wiederholen. Für einige, weniger betroffene Menschen ist es einfacher, entgegen dem bestehenden Paradigma zu wirken. Mit diesen Privilegien kommt eine zusätzliche Verantwortung, sich als Ally (Verbündete*r – im Sinne der Quantum Theorie im wahrsten Sinne des Wortes) für das Ganze und jede*n einzelne*n einzusetzen und eine verkörperte transformative Praxis zu entwickeln.
»Who can’t afford be critical? […] The true radical project has to be one of solidarity, of embeddedness, of being amongst and not above. Of understanding why, the other is behaving in such a way and why I’m behaving the way I am – something that is always socially, culturally and politically informed.« - Afonso Matos (Matos, 2022)
tl;dr
Die vielfältigen Rollen von Gestaltenden gesellschaftlicher Transformationsprozesse gehen weit über die Rolle klassischer Designer*innen hinaus, da sie in transformativen Lernerfahrungen initiieren, vermitteln, sammeln und übersetzen. Ihre Praxis soll hier als eine Handlung und weniger als eine Disziplin verstanden werden, die stets im Hinblick auf ihre Verantwortung im Umgang mit Agency und Macht als Handelnde und Verbündende reflektiert werden muss.
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References
Escobar, Arturo. 2018. Designs for the Pluriverse: Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds. Durham: Duke University Press.
Hill, Dan. 2012. Dark Matter and Trojan Horses: A Strategic Design Vocabulary. First edition. Moscow: Strelka Press.
Jonas, Wolfgang. 2018. „Prolog“. S. 16–25 in Un/Certain Futures - Rollen des Designs in gesellschaft lichen Transformationsprozessen. Bd. 38, herausgegeben von M. Förster, S. Hebert, M. Hof mann, und W. Jonas. Bielefeld, Germany: transcript Verlag.
Mareis, Claudia, Moritz Greiner-Petter, und Michael Renner. 2022a. „Critical by Design? An Intro duction“. S. 8–31 in Design. Bd. 57, herausgegeben von C. Mareis, M. Greiner-Petter, und M. Renner. Bielefeld, Germany: transcript Verlag.
Matos, Afonso, Hrsg. 2022. Who Can Afford to Be Critical?: An Inquiry into What We Can’t Do Alone, as Designers, and into What We Might Be Able to Do Together, as People. Eindhoven: Set Mar gins’.
Latour, Bruno. 2009a. „Ein vorsichtiger Prometheus?: Einige Schritte hin zu einer Philosophie des Designs, unter besonderer Berücksichtigung von Peter Sloterdijk“. S. 357–74 in Die Vermes sung des Ungeheuren. Brill Fink.
Lauriola, Daniele. 2022. „Unwissende Lehrmeister*innen als Vermittelnde im Transformation De sign – TRANSFORMAZINE“. Abgerufen 27. Juli 2023 (https://transformazine.de/unwissende lehrmeisterinnen-als-vermittelnde-im-transformation-design).
Lauriola, Daniele. 2023. „Metamodernismus als Transformationsprojekt oder vice versa“. TRANS FORMAZINE. Abgerufen 3. August 2023 (https://transformazine.de/metamodernismus-als transformationsprojekt-oder-vice-versa).
Lorusso, Silvio. 2022. „Design and Power – Part 1 —“. Other Worlds. Abgerufen 8. August 2023 (https://silviolorusso.com/publication/design-and-power-part-1/).
Meadows, Donella H., und Diana Wright. 2008. Thinking in systems: a primer. White River Junction, Vt: Chelsea Green Pub.
Pawlak, Ken, und William Bergquist. 2021. „Four Models of Adult Education | The Professional School of Psychology“. Abgerufen 9. August 2023 (https://psychology.edu/about/four-mo dels-of-adult-education/).